Die scharfe Kritik des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an Europa hat bei europäischen Politikern deutlichen Widerspruch ausgelöst. Besonders deutlich reagierte der italienische Außenminister und Vizepremier Antonio Tajani, der Selenskyjs Aussagen als ungerecht bezeichnete. Europa leiste für die Ukraine bereits erhebliche politische, finanzielle und militärische Unterstützung, sagte Tajani am Rande eines deutsch-italienischen Wirtschaftsforums in Rom.
Selenskyj hatte am Donnerstag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärt, Europa vermeide entschlossene Schritte und bleibe in entscheidenden Momenten gespalten. Seiner Ansicht nach fehle es dem Kontinent an strategischer Einheit, um als globale Macht aufzutreten. Diese Einschätzung wies Tajani entschieden zurück und verwies auf milliardenschwere Hilfspakete sowie Waffenlieferungen.
In seiner Rede zeichnete Selenskyj ein Bild Europas als „schönen, aber fragmentierten Kaleidoskops“. Statt geschlossen gegen Russland aufzutreten, handelten die Staaten oft isoliert. Diese Zersplitterung schwäche nicht nur die Ukraine, sondern auch die geopolitische Rolle der Europäischen Union, so der ukrainische Präsident.
Ein weiterer Kritikpunkt Selenskyjs betraf die europäische Reaktion auf den Streit um Grönland, für das US-Präsident Donald Trump Interesse gezeigt hatte. Die Entsendung weniger europäischer Soldaten reiche seiner Meinung nach nicht aus, um Stärke zu demonstrieren – weder gegenüber Russland noch gegenüber China.
Tajani widersprach auch hier. Europa müsse verantwortungsvoll handeln und könne nicht jede sicherheitspolitische Herausforderung mit militärischer Präsenz beantworten. Die Unterstützung der Ukraine sei historisch beispiellos und erfolge trotz erheblicher wirtschaftlicher Belastungen.
Die Kontroverse macht deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven sind. Während die Ukraine angesichts des Krieges schnelle und weitreichende Entscheidungen fordert, sind europäische Regierungen an politische Prozesse, Haushaltsfragen und innenpolitische Debatten gebunden.
Die Debatte dürfte anhalten. Sie zeigt, dass Europas Rolle im Ukraine-Krieg nicht nur eine Frage der Ressourcen ist, sondern auch der politischen Selbstdefinition als globaler Akteur.