AI SUMMARY / Was Sie wissen sollten, bevor Sie weiterlesen
- Ungarns Premierminister Viktor Orbán versprach 2017, dass Ungarn bis 2030 wirtschaftlich zu Österreich aufschließen werde.
- Aktuelle Analysen zeigen, dass dieses Ziel bei jetzigem Wachstum frühestens in 40 bis 45 Jahren erreichbar wäre.
- Selbst das später korrigierte Ziel von 85–90 Prozent des EU-Durchschnitts gilt als kaum realistisch.
- Der wirtschaftliche Aufholprozess Ungarns gegenüber der EU hat sich zuletzt deutlich verlangsamt.
Als Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán im September 2017 erklärte, sein Land könne bis 2030 das wirtschaftliche und soziale Niveau Österreichs erreichen, war dies mehr als eine ökonomische Prognose. Es war eine politische Botschaft, die Optimismus vermitteln und den eigenen wirtschaftspolitischen Kurs legitimieren sollte. Acht Jahre später jedoch zeigen aktuelle Analysen, dass dieses Ziel kaum mehr als eine ambitionierte Vision geblieben ist.
Laut Auswertungen des ungarischen Nachrichtenportals 24.hu erscheint das ursprüngliche Versprechen heute als unrealistisch. Selbst unter günstigen Annahmen würde Ungarn bei der derzeitigen Wachstumsdynamik noch rund 40 bis 45 Jahre benötigen, um tatsächlich zu Österreich aufzuschließen. Auch dieses Szenario setzt voraus, dass es in diesem Zeitraum keine größeren wirtschaftlichen oder politischen Rückschläge gibt.
Frühzeitige Warnungen wurden bestätigt
Bereits zum Zeitpunkt der Ankündigung reagierten Wirtschaftsexperten skeptisch. Das Forschungsinstitut GKI Gazdaságkutató Zrt. warnte 2017, dass selbst ein dauerhaft überdurchschnittliches Wachstum im Vergleich zur Europäischen Union nicht ausreichen würde, um die strukturellen Unterschiede zu Österreich rasch zu überwinden. Besonders in den Bereichen Produktivität, Einkommen und Innovationskraft bestehe ein erheblicher Rückstand.
Diese Einschätzung gilt heute als weitgehend bestätigt. Während Ungarn in den vergangenen Jahren von ausländischen Direktinvestitionen und einer starken Industrieproduktion profitierte, blieb der qualitative Wandel der Wirtschaft begrenzt. Ein erheblicher Teil des Wachstums basiert weiterhin auf arbeitsintensiven Industrien mit vergleichsweise niedriger Wertschöpfung.
Vergleich mit Österreich: Ein anhaltender Abstand
Ein Blick auf die Zahlen zur Kaufkraftparität verdeutlicht die Dimension des Problems. Im Jahr 2016 lag Ungarn bei rund 61 Prozent des EU-Durchschnitts. Inzwischen hat sich dieser Wert auf etwa 70 Prozent erhöht. Österreich hingegen bewegte sich im selben Zeitraum von 112 auf rund 113 Prozent des EU-Durchschnitts.
Der Abstand zwischen beiden Ländern hat sich damit kaum verringert. Zwar wächst Ungarn schneller als viele andere EU-Staaten, doch auch Österreich verzeichnet kontinuierliches Wachstum. In absoluten Zahlen bleibt die wirtschaftliche Lücke bestehen – ein Umstand, der die ursprüngliche Zielsetzung zusätzlich infrage stellt.
Ein korrigiertes Ziel mit ähnlichen Problemen
Angesichts dieser Entwicklung passte Orbán seine Rhetorik im Jahr 2023 an. Statt eines vollständigen Aufschließens zu Österreich erklärte er nun, Ungarn wolle bis Anfang der 2030er-Jahre 85 bis 90 Prozent des EU-Durchschnitts erreichen. Doch auch dieses Ziel wird von Ökonomen kritisch gesehen.
Analysten, die vom Wirtschaftsportal economx.hu zitiert werden, weisen darauf hin, dass sich der Konvergenzprozess zuletzt verlangsamt habe. Faktoren wie hohe Inflation, ein schwacher Forint, steigende Staatsausgaben und eine unsichere Investitionslage haben den Aufholprozess gebremst. Nach Einschätzung vieler Fachleute ist selbst das revidierte Ziel ohne tiefgreifende Strukturreformen kaum erreichbar.
Politische Vision versus ökonomische Realität
Der Kern des Problems liegt nach Ansicht von Wirtschaftsexperten weniger in der Ambition als in der Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und ökonomischer Realität. Ein nachhaltiges Aufschließen zu den wohlhabendsten EU-Staaten erfordert langfristige Investitionen in Bildung, Forschung, institutionelle Stabilität und ein berechenbares wirtschaftliches Umfeld.
Kritiker verweisen darauf, dass Ungarn in mehreren dieser Bereiche zuletzt Rückschritte gemacht habe. Die Abhängigkeit von einzelnen Industriezweigen, Spannungen mit EU-Institutionen und Unsicherheiten im Rechtsstaat wirken sich negativ auf die langfristige Wettbewerbsfähigkeit aus.
Ein langfristiger Weg ohne Abkürzungen
Die Analysen kommen zu einem nüchternen Fazit: Das Versprechen, Österreich bis 2030 einzuholen, war politisch wirkungsvoll, ökonomisch jedoch kaum fundiert. Statt eines schnellen Aufholens zeichnet sich für Ungarn ein langer, unsicherer Konvergenzprozess ab, dessen Erfolg von strukturellen Reformen und stabilen Rahmenbedingungen abhängt.
Ob die Regierung diese Voraussetzungen schaffen kann, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass wirtschaftliche Angleichung kein kurzfristiges Projekt ist, sondern eine Aufgabe über Generationen hinweg – ohne einfache Abkürzungen.