KYJIW / WARSCHAU / BUDAPEST – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland beschuldigt, gezielt das Energiesystem seines Landes zerstören zu wollen. Nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte griff Russland in der Nacht mit 408 Drohnen und 39 Raketen verschiedene Ziele der kritischen Infrastruktur an. Die Luftabwehr konnte 382 Drohnen und 24 Raketen abfangen, dennoch wurden 19 Orte getroffen, was in mehreren Regionen zu Stromausfällen führte.
„Russland versucht, unser Licht zu zerstören“, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft auf der Plattform X. „Die Ukraine kämpft gemeinsam mit ihren Partnern gegen diese Dunkelheit.“ Der staatliche Netzbetreiber Ukrenergo bestätigte landesweite Notabschaltungen, um einen Zusammenbruch des Stromnetzes zu verhindern.
Auswirkungen auf die regionale Sicherheit
Die Angriffe hatten unmittelbare Folgen über die Grenzen der Ukraine hinaus. Polen schloss am Freitagmorgen vorübergehend Teile seines Luftraums im Südosten des Landes. Die Flughäfen Rzeszów und Lublin stellten den Betrieb zeitweise ein, um militärischen Luftoperationen Vorrang zu geben. Das polnische Verteidigungsministerium sprach von einer präventiven Maßnahme im Zusammenhang mit russischen Luftangriffen nahe der Grenze.
Nach einigen Stunden wurde der zivile Flugverkehr wieder aufgenommen. Das polnische Militär betonte, dass es keine Verletzung des polnischen Luftraums gegeben habe.
Orbán: „Die Ukraine ist ein Feind Ungarns“
Zusätzliche politische Brisanz erhielt die Lage durch Aussagen des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der die Ukraine offen als „Feind Ungarns“ bezeichnete. Anlass war die Forderung Kiews und mehrerer EU-Staaten, den Import billiger russischer Energie zu begrenzen.
„Wer Ungarn daran hindern will, günstige Energie zu beziehen, handelt gegen unsere nationalen Interessen“, sagte Orbán. „Und wer das tut, ist ein Feind Ungarns. In diesem Fall ist das die Ukraine.“
Die Aussage sorgte europaweit für Kritik. Politische Beobachter sprechen von einer beispiellosen Eskalation der Rhetorik eines EU-Regierungschefs gegenüber einem angegriffenen Nachbarstaat. Orbáns Haltung unterstreicht erneut die Spannungen zwischen Budapest und der EU in der Frage der Russland-Sanktionen und der Unterstützung der Ukraine.
Diplomatie unter Druck
Selenskyj erklärte zudem, dass die USA beiden Kriegsparteien eine Frist bis Juni gesetzt hätten, um Fortschritte in Richtung eines Waffenstillstands zu erzielen. Washington habe neue Gespräche in Aussicht gestellt. Parallel prüfen Großbritannien und andere NATO-Staaten rechtliche Möglichkeiten, russische Tanker der sogenannten Schattenflotte zu beschlagnahmen.
„Es gibt hier keine Grauzonen“, sagte Selenskyj. „Entweder man schützt das Leben – oder man toleriert Zerstörung.“