Mi.. Mai 20th, 2026

Irans oberster Führer Ali Chamenei hat erstmals öffentlich eingeräumt, dass während der jüngsten landesweiten Proteste Tausende Menschen ums Leben gekommen sind. In einer Fernsehansprache machte er jedoch nicht die iranischen Sicherheitskräfte, sondern die Vereinigten Staaten und US-Präsident Donald Trump für die Gewalt verantwortlich. Trump habe die Demonstranten offen ermutigt und ihnen sogar militärische Unterstützung in Aussicht gestellt, erklärte Chamenei.

Die Proteste waren Ende Dezember ausgebrochen, zunächst ausgelöst durch wachsende Wut über die wirtschaftliche Lage, steigende Preise und Perspektivlosigkeit. Innerhalb weniger Tage entwickelten sie sich zu einer der größten Herausforderungen für die politische Führung des Landes seit Jahren. Chamenei bezeichnete die Unruhen als Teil eines gezielten Umsturzversuchs von außen.

Keine Erwähnung der Sicherheitskräfte

Auffällig war, dass Chamenei in seiner Rede keinerlei Bezug auf das Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte nahm. Augenzeugen und Menschenrechtsorganisationen berichten jedoch von massiver Gewaltanwendung, darunter Schüsse auf Demonstranten aus der Menge, von Dächern und mithilfe von Drohnen. Die in den USA ansässige Human Rights Activists News Agency schätzt die Zahl der Todesopfer auf über 3.600 – eine Angabe, die sich nicht unabhängig verifizieren lässt und von Teheran entschieden zurückgewiesen wird.

Ein Augenzeuge aus Teheran schilderte, wie Sicherheitskräfte mit Laservisieren auf Menschen zielten. Die Demonstranten seien weitgehend unbewaffnet gewesen. „Die einzige Verteidigung waren Steine, die sie oft nicht einmal werfen konnten“, sagte er anonym.

Das Narrativ der ausländischen Einmischung

Chamenei teilte die Protestierenden in zwei Gruppen ein: solche, die angeblich von den USA und Israel unterstützt, finanziert und ausgebildet worden seien, sowie junge Menschen, die von diesen Kräften manipuliert worden seien. Diese hätten Infrastruktur, Moscheen, Schulen und Banken beschädigt. Konkrete Beweise für eine koordinierte ausländische Steuerung legte die Regierung nicht vor.

Irans Außenminister Abbas Araghtschi versuchte die Angaben zu relativieren und sprach von „Hunderten“ Toten. Höhere Zahlen seien Teil einer westlichen Desinformationskampagne.

Eskalation mit Washington

US-Präsident Trump hatte während der Proteste die Demonstranten ermutigt, weiterzumachen, und zu einem politischen Umbruch aufgerufen. Nach Chameneis Rede bezeichnete Trump den iranischen Führer als „kranken Mann“ und forderte einen Führungswechsel in Teheran. Irans Präsident Masud Peseschkian erklärte daraufhin, jede Aggression gegen den obersten Führer käme einer Kriegserklärung gleich.

Kontrolle durch Informationsabschaltung

Parallel zur Gewalt kappten die Behörden den Internetzugang nahezu vollständig. Laut der Organisation NetBlocks fiel die Konnektivität zeitweise auf rund zwei Prozent des Normalniveaus. Beobachter sehen darin einen Versuch, Mobilisierung und Berichterstattung zu unterdrücken.

Analytische Einordnung

Chameneis Eingeständnis markiert einen seltenen Moment der Offenheit, doch die konsequente Schuldzuweisung nach außen deutet auf Kontinuität statt Reform hin. Die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen der Proteste bleiben ungelöst – und damit auch das Risiko erneuter Unruhen.

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