Berlin – Sie geschieht im Verborgenen und doch jeden Tag. Auf Straßen, in Wohnungen, in Krankenhäusern, in digitalen Räumen. Gewalt gegen Frauen ist in Deutschland kein Randphänomen, sondern eine strukturelle Realität. Das Ausmaß dieser Gewalt wird nun erneut durch eine aktuelle Lageanalyse des Bundeskriminalamt (BKA) belegt – und durch eine Reihe von Fällen, die das Land in den vergangenen Monaten erschüttert haben.
Nach Angaben des BKA wurden im vergangenen Jahr 187.128 Frauen und Mädchen Opfer häuslicher Gewalt. Das entspricht einem Anstieg von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders betroffen sind Frauen zwischen 30 und 60 Jahren, die mehr als die Hälfte der registrierten Opfer ausmachen. Häusliche Gewalt, so das BKA, umfasst körperliche, sexuelle und psychische Übergriffe – häufig verübt von Partnern oder Ex-Partnern. Die Zahl der Tatverdächtigen stieg parallel auf 152.812 Personen.
Statistiken können jedoch nicht erfassen, was diese Gewalt für die Betroffenen bedeutet. Viele Opfer schweigen aus Angst vor Stigmatisierung, Abhängigkeit oder weiteren Repressionen. Dass dieses Schweigen tödliche Konsequenzen haben kann, zeigen zahlreiche aktuelle Gerichtsverfahren und Ermittlungen.
Vor dem Landgericht Heilbronn etwa begann jüngst der Prozess gegen einen 29-jährigen Deutsch-Algerier, dem versuchter Mord und Freiheitsberaubung vorgeworfen werden. Laut Anklage soll er seine ehemalige Partnerin auf dem Gelände eines Frauenhauses überfallen, gedemütigt, durch die Stadt gezerrt und schließlich zwei Tage lang in einem Gartenhaus gefangen gehalten haben. Das mutmaßliche Motiv: Eifersucht.
Ähnlich gelagerte Motive ziehen sich durch viele der bekannt gewordenen Fälle. In Würzburg steht ein 45-jähriger Mann wegen Mordes an seiner früheren Partnerin vor Gericht. Die Ermittler gehen davon aus, dass er aus Besitzdenken und Angst vor dem Verlassenwerden handelte. In Berlin wurde ein Ehemann wegen Mordes an seiner vierfachen Mutter zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellte fest, der Täter habe aus der Überzeugung gehandelt, als Mann das Recht zu haben, seine Frau zu „bestrafen“.
Auch außerhalb von Partnerschaften eskaliert Gewalt gegen Frauen. In Duisburg wurde im Januar eine 21-Jährige auf offener Straße niedergestochen, in Aachen eine 54-Jährige in einem Wäschekeller brutal überfallen. In Hannover fanden Polizisten eine 42-jährige Frau tödlich verletzt in ihrer Wohnung; ihr Ehemann steht unter Verdacht. Jeder dieser Fälle steht für ein Muster, das sich landesweit wiederholt.
Expertinnen und Opferhilfsorganisationen warnen seit Jahren vor dieser Entwicklung. Sie fordern mehr Prävention, einen besseren Schutz durch Polizei und Justiz sowie den Ausbau von Frauenhäusern. Zwar existieren gesetzliche Instrumente, doch ihre Umsetzung bleibt lückenhaft. Die steigenden Zahlen legen nahe, dass bestehende Maßnahmen nicht ausreichen.
Gewalt gegen Frauen ist kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftliches Problem. Solange sie als private Tragödie betrachtet wird, bleibt sie unsichtbar. Die Daten des BKA und die Vielzahl tödlicher Einzelfälle zeichnen ein anderes Bild: Es handelt sich um eine anhaltende Krise, die politische Entschlossenheit und gesellschaftliche Aufmerksamkeit erfordert.