Europa ist nach Ansicht des finnischen Präsidenten Alexander Stubb längst in der Lage, seine eigene Sicherheit zu gewährleisten und Russland von jeglicher Aggression abzuschrecken. Auf einer sicherheitspolitischen Konferenz mit dem Titel Kann Europa sich verteidigen?, die am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos stattfand, erklärte Stubb, der Kontinent verfüge über ausreichende militärische wie auch zivile Kapazitäten, um unabhängig zu handeln.
Vor dem Hintergrund des anhaltenden Krieges in der Ukraine und wachsender Unsicherheiten über die langfristige Rolle der Vereinigten Staaten betonte Stubb, dass Europa zunehmend Verantwortung für seine eigene Verteidigung übernehme. Berichte über eine angebliche Krise der NATO wies er entschieden zurück. Im Gegenteil: Die Allianz stehe heute auf einem stabileren Fundament als zu jedem Zeitpunkt seit dem Ende des Kalten Krieges, getragen von höheren Verteidigungsausgaben, besserer Koordination und einem erweiterten sicherheitspolitischen Bewusstsein.
Spekulationen über hypothetische Konflikte, etwa mögliche Spannungen zwischen Europa und den USA, lehnte Stubb ab. Solche Szenarien lenkten vom Wesentlichen ab. Entscheidend seien reale Fähigkeiten und konkrete Vorbereitungen, nicht theoretische Planspiele. Finnland selbst sei ein Beispiel dafür, wie glaubwürdige Abschreckung in der Praxis aussehe.
Das Land verfügt über eine rund 1.340 Kilometer lange Grenze zu Russland und hat seine Verteidigungspolitik seit Jahrzehnten konsequent auf Abschreckung ausgerichtet. Ein zentrales Element ist die allgemeine Wehrpflicht. Rund eine Million Menschen haben eine militärische Ausbildung durchlaufen, und innerhalb weniger Wochen können bis zu 280.000 Soldaten mobilisiert werden. Ergänzt wird dies durch eine moderne Luftwaffe und die geplante Anschaffung von 64 F-35-Kampfjets, die Finnlands militärische Fähigkeiten deutlich erweitern sollen.
Ebenso wichtig ist die zivile Verteidigung. Finnland verfügt über ein dichtes Netz an Schutzräumen und eine Bevölkerung, die auf Krisensituationen vorbereitet ist. Diese Kombination aus militärischer Stärke und gesellschaftlicher Resilienz gilt laut Stubb als entscheidender Faktor für glaubwürdige Abschreckung.
Im geopolitischen Kontext bezeichnete der finnische Präsident den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als strategischen Fehler des Kremls. Russland sei wirtschaftlich geschwächt, leide unter hoher Inflation und erheblichen menschlichen Verlusten. Paradoxerweise habe genau diese Aggression zur Stärkung Europas beigetragen: zur Erweiterung der NATO um Finnland und Schweden, zu höheren Verteidigungsetats und zu einem stärkeren sicherheitspolitischen Zusammenhalt.
Europa müsse sich laut Stubb auf eine langfristige Bedrohung einstellen, unabhängig davon, wie sich der Krieg in der Ukraine entwickle. Die entscheidende Frage sei jedoch nicht, ob Europa sich verteidigen könne. Die Antwort darauf sei eindeutig: ja.